Special - Die Versmartphonung des Videospielmarkts : Identitätsverlust im Konsolenlager

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    Früher waren Konsolen noch scharf voneinander getrennte Spielekosmen, heute verschwimmen sie immer mehr zu einer großen, grauen Masse. Was bedeutet das für die Zukunft unseres Hobbys? Und tut es dem Spielspaß Abbruch? Unser Kolumnist Robert über digitale Profilneurosen, Heimweh nach 16 Bit und Games, die man heute lieber kommentiert als spielt.

    (Anm. d. Red.: Die Meinung des Autors muss nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.)

    Schon seit Jahren suche ich immer wieder nach einer plausiblen Erklärung für den grassierenden Retrowahnsinn – einer Formel, die mir möglichst mit mathematischer Präzision aufschlüsselt, wann und warum im Spielerhirn die Retrogene aktiv werden, die normale Gamer in Pixelschmuser verwandeln. In seinem Buch "Playing Yesterday" führt der studierte Retro-Experte Sebastian Felzmann ein paar gewagte, aber deshalb nicht minder spannende Thesen an: Es gehe um die Rückbesinnung auf eine Zeit, in der Gamer noch eine Art elitärer Gemeinschaft aus Sonderlingen gewesen seien, meint der Fachmann.

    Es gehe um Prägungen, die während der Kindheit oder Jugend stattgefunden hätten und die dafür gesorgt hätten, dass Retrobewusstsein vor allem eine sehr persönliche Sache ist. Und darum natürlich, sich ein Stück Heimat zu bewahren. Denn was ist die Vergangenheit anderes als eine Heimat, aus der wir grausam verschleppt worden sind … in das Hier und Jetzt?

    Mit dem Begriff "heimisch" verknüpfen wir ganz verschiedene Erinnerungen: Orte, Menschen, aber auch eher abstrakte Sphären und Umgebungen wie zum Beispiel ein konsolisches Ökosystem. Heute sind diese Sphären komplex, nahezu PC-ähnlich. Gespickt mit Bedienelementen, Einstellmöglichkeiten und allerlei sozialen Untersphären, die in der Mehrzahl an die Umwälzmaschine WWW gekoppelt sind.

    Intimbeziehung Mensch-Konsole

    Früher waren diese Sphären auf die vergleichsweise intime Beziehung zwischen Mensch und Maschine beschränkt – ungestört, unbewertet und auf angenehme Weise reflektiert. Wenn ich dagegen heute PS4 oder Xbox One einschalte, dann geht es nicht in erster Linie um das, was ich und das Spiel beieinander auslösen – es geht vielmehr darum, wie ich diesen Augenblick einfange und konserviere, um ihn dann an Dritte zu übermitteln.

    Am besten live. Ungefiltert, unreflektiert – und ohne jede Möglichkeit, ihn vor der Übertragung mit Sinn und Absicht aufzuladen. Vorbei die Zeiten, in denen man über das Gespielte nachgedacht hat, bevor man sich darüber austauschte. Vorbei die Zeiten redaktioneller Besinnlichkeit. Aus PowerPlay wurde X Base, wurde GameOne, wurde Rocketbeans TV. Paperlaplapper nonstop und rund um die Uhr.

    Nun bin ich weder engstirnig noch konservativ genug, um dieses Vorgehen zu verurteilen oder um den 24-stündigen Kalauern von Online-Plaudertaschen so gar nichts abgewinnen zu können. Trotzdem komme ich nicht umhin, die zunehmende Beliebigkeit der Inhalte zu betrauern, die zwangsläufig damit einhergeht.

    Vielleicht ist es genau das, was die wahre Retromanie ausmacht: Es geht nicht um reine Rückbesinnung oder die Erhebung des Gestrigen in den elitären Rang eines wegweisenden, archäologischen Artefakts. Vielmehr vermute ich dahinter das verzweifelte Anstrampeln gegen Beliebigkeit und Identitätsverlust. Die 80er und 90er waren gerade in unserer westlichen Kultur die Ära, in der Individualität wichtiger erschien als alles andere: Es ging darum, sich von der grauen Masse abzuheben. Eine ganze Generation war verzweifelt darum bemüht, ANDERS zu sein.

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