Special - Spielejournalisten : Der Abschaum des Universums

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    Alle Kids wollten früher „Spieletester" werden, weil es einfach der geilste Job der Welt war. Heute, rund 30 Jahre später, ist der Glanz verblasst. Heute müssen sich viele Exkollegen als PR-Huren oder YouTube-Hampelmänner verdingen. Der von mir geschätzte Christian Gürnth schwadroniert in Podcasts sogar über Ninja-Turtles, damit er nicht verhungern muss. Es ist eine Schande!

    (Anm. d. Red.: Wie immer bei Gastbeiträgen gilt: Die Meinung des Autors muss nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.)

    Ich weiß gar nicht mehr, wie lange es her ist und wo ich Dave Dienstbier damals getroffen habe. Es muss auf jeden Fall kurz nach dem Release von Turok 2 gewesen sein. Weil ich selbst ein kleines Audiostudio hatte, wollte ich vom Turok-Macher wissen, wie die fetten Treffer-Sounds fabriziert wurden. Seine Antwort: „Wir haben mit Schrotflinten auf Schweinehälften geballert. So etwas gibt es nur bei uns!“ Er fügte noch hinzu, dass er sehr glücklich sei, in einer Branche arbeiten zu dürfen, in der man so etwas sagen kann, ohne in eine Anstalt eingeliefert zu werden.

    Ich war auch glücklich, Spielejournalist zu sein. Ich konnte an dieser faszinierenden Welt teilhaben – ohne irgendwelche nennenswerten Fähigkeiten! Man muss kein besonders guter Spieler sein, um Spiele zu bewerten. Man muss nur lange und viel gezockt haben und ein wenig schreiben können. Der Spielejournalismus ist ja ein relativ junger Fachbereich. Arnie Katz, der Ende der 70er eine Videospielkolumne im Video Magazine startete, gilt als Pionier der Branche. 1981 gründete er seine eigene Zeitschrift Electronic Games und der Rest ist Geschichte. Heute ist vom alten Glanz der Branche nichts mehr übrig. Ehemalige Magazinflaggschiffe kämpfen ums nackte Überleben, reihenweise werden Leute entlassen oder sie hauen selbst ab, bevor es zu spät ist.

    Früher nahm sich der Spielejournalist mehrere Tage Zeit, um einen Titel in Ruhe zu testen. Man machte sich beim Zocken reichlich Notizen, diskutierte mit Kollegen und konnte Artikel deshalb mit jeder Menge Wissen füllen. Heute sind die Redaktionen auf ein Zehntel ihrer alten Größe geschrumpft und selbst gute Autoren zu google-optimierten Content-Generatoren mutiert. Und genau aus diesem Grund haben die Leser keinen Respekt mehr vor dem Spielejournalismus. Unter jedem Artikel findet sich im Internet ein ganzer Rattenschwanz von Kommentaren, die dem Autor Inkompetenz oder Ignoranz vorwerfen. Sehr oft trifft die Kritik ins Schwarze - außer bei meinen Artikeln, denn ich mache eigentlich nie Fehler.

    Falling Down

    Ich hätte es als Jugendlicher nie gewagt, Manfred Kleimann, den Gründer der Zeitschrift ASM (Aktueller Software Markt) für einen seiner Artikel zu kritisieren. Schließlich war er für uns eine Art Superheld! Auch Leuten wie Heinrich Lenhardt (Happy Computer), Jan Binsmaier (Video Games) oder Stephan Freundorfer (Power Play) konnte ich als Leser blind vertrauen. Diese Zeiten sind vorbei und ich will hier auch nicht groß über die Gründe des Niedergangs philosophieren, sondern ein Plädoyer für die geschundenen Opfer halten. Mit „Opfer“ meine ich Kollegen und ehemalige Redakteure, die durch den finanziellen Druck und fiese Leserkommentare in die seelische Insolvenz getrieben wurden.


    (Fabian Siegismund)

    Ein gutes Beispiel ist Fabian Siegismund. Er war ein verdammt guter Gamestar-Redakteur, vielleicht sogar einer der besten. Ich gehörte zum Redaktionsteam der PC Action und ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich den Autor des Konkurrenzblattes für seine unterhaltsamen Texte bewunderte. Er verstand es, Information und Unterhaltung unter einen Hut zu bringen. Seine Artikel hatten Hand und Fuß, seine Wertungen waren für mich stets nachvollziehbar. Er war wie ein aufgehender Stern. „Der Junge wird es mal zu etwas bringen“, versprach ich vielen. Was aus ihm geworden ist, bricht mir jedoch das Herz: Heute backt er nämlich mit Sparwitzen garnierte Kuchen auf YouTube. Ich kann mir das schreckliche Video nicht länger als ein paar Sekunden ansehen, weil sonst Trauer und Wut von mir Besitz ergreifen. Genau so haben sich wahrscheinlich Mike Tysons Entdecker gefühlt, als er sich das Gesicht tätowieren ließ.