Special - Die Anti-Grafik-These : Aussehen ist nicht alles

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    „Grafik ist nicht alles!“ Das ist ein Spruch, der mich seit jeher auf die Palme bringt – eine schön modellierte, hochauflösend texturierte und von einer digitalen Sonne paradiesisch beschienene Palme vorzugsweise. Denn, ja, ich liebe schöne Grafik. Ebenso wie im echten Leben bin ich auch in der digitalen Welt ein ausgesprochener Ästhet. Ob zeitlos knuffige Mario-Hüpferei oder modernes Polygongroßaufgebot à la Assassin's Creed – schön muss es sein. Und leistet sich ein Titel beim Gameplay keine allzu groben Schnitzer, dann greife ich auch bei purem Eye-Candy zu Pad respektive Maus: Son of Rome? Crysis 3? Visuell bombastische Spektakel, die man sich aus dem gleichen Grund reinzieht wie den durchschnittlichen Marvel-Kino-Blockbuster: Spaß durch visuelle Reizüberflutung. Muss auch mal sein.

    (Anm. d. Red.: Auch wenn Robert für Gameswelt freiberuflich auch Standardartikel, etwa Specials, schreibt, gilt für seine Kolumne das, worauf wir auch bei normalen Gastbeiträgen immer hinweisen: Die Meinung des Autors muss nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.)

    Als Grafikfetischist bin ich immer wieder davon fasziniert, wie viele Spieler erbarmungslos gegen die Annahme zu Felde ziehen, dass gutes Aussehen etwas Feines ist. Die Verfechter der Independent- und Pixelfront spielen das „Grafik-ist-nicht-alles!“-Argument immer dann aus, wenn sie ihr Verständnis von der verspielten Welt bedroht sehen.

    „Das neue Assassin’s Creed hat mich irgendwie enttäuscht …”

    „Siehste! Grafik ist nicht alles!“

    Dark Souls ist aber ganz schön hässlich …”

    „Grafik ist nicht alles!“

    „Also dieses Indie-Game, das du mir da empfohlen hast … irgendwie will mir das nicht so recht gefallen …“

    „Grafik ist nicht alles!“

    „Aber ich habe doch gar nicht gesagt, dass es daran liegt.”

    „GRAFIK IST NICHT ALLES!!!“

    Dabei ist nicht nur die Aggressivität erstaunlich, mit der die Verfechter der Grafikgegenthese immer wieder durch Foren und Diskussionen trollen – mindestens genauso bemerkenswert ist die Tatsache, dass diese Debatte nach dem Ausschlussverfahren geführt wird. Ganz so, als würde ein Qualitätsmerkmal das andere zwangsläufig ausschließen. Die Überzeugung der Grafikskeptiker: Schöne Spiele sind grundsätzlich frei von bemerkenswerten Ideen oder vorbildlichem Gameplay.

    Erstaunlich genug, dass der logische Umkehrschluss gemeinhin wenig Zuspruch findet: Wenn schicke Games grundsätzlich eine spielerische Nullnummer sind – dann wäre es doch nur logisch, wenn jede potthässliche, rezeptfrei zusammengerührte Grafikgroteske eine spielerische Offenbarung ist. Oder nicht?

    Bereits das sollte die Debatte ad absurdum führen. Wie die unter Musikliebhabern weit verbreitete Meinung, dass nur solche Longplayer hörenswert sind, bei denen sich die Combo keine ordentliche Titelgestaltung leisten konnte.

    Aber die Furcht vor gutem Aussehen – so erscheint es mir – die geht weit über die visuelle Wahrnehmungsebene hinaus. Auf skurrile Weise scheint sie direkt ans Bedürfnis nach Auflehnung gekoppelt zu sein. Echte Experten lehnen aus Prinzip alles ab, was nach Kommerzmaschine und Geld riecht. Denn beides ist für sie gleichbedeutend mit geistiger Gleichschaltung und Niveaulosigkeit. Wer für sich das Gütesiegel „Profi“ beansprucht, der will vor allem eins: Teil einer elitären Kaste sein. Nur als Angehöriger dieser „erwählten Gruppe“ versteht man, was der Aufmerksamkeit wirklich wert ist. Und das ist im Zweifelsfall immer das Gegenteil von dem, was der breiten Masse gefällt. „Bloß nicht angepasst sein“, lautet die Devise.

    Gutes Aussehen als trojanisches Pferd

    Dabei ist die Grafikgegenthese alles andere als neu: „Grafik ist nicht alles“ – das ist die popkulturell aufgeputschte Version von „Beurteile ein Buch nicht nach seinem Einband“ oder „Bewerte andere nicht nach ihrem Aussehen.“ An sich eine feine Sache: Man soll sich auf das konzentrieren, was unter der Oberfläche liegt. Verborgene Qualitäten entdecken. Das Hässliche kann innen schön sein. Eine wichtige Lektion also.

    Weil man uns diese Binsenweisheit von Kindesbeinen an mit der Brechstange eingeprügelt hat, betrachten wir fast zwangsläufig alles mit Skepsis, das gut aussieht. Ganz so, als wäre Schönheit ein Trojanisches Pferd, mit dem etwas Falsches und Hassenswertes eingeschmuggelt wird. Wer es innerhalb eines „aufgeklärten Kreises“ wagt, sich zum Grafikfetisch zu bekennen, der tut das allenfalls mit gesenktem Haupt. Leise und beschämt.

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