Preview - Jagged Alliance: Rage! : Eben erst angekündigt, jetzt schon überflüssig

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Fast zwanzig Jahre sind seit der Veröffentlichung von Jagged Alliance 2 vergangen, doch trotz der langen Zeit ist es seitdem keinem Entwicklerstudio gelungen, die Essenz des Klassikers einzufangen. Stattdessen erhielten die Fans gelegentliche Neuaufgüsse und Ableger, die sich zwar am Original orientierten, jedoch nur ebenso lieb- wie lustlos an dessen Oberfläche kratzten. Das soll mit Jagged Alliance: Rage! von Cliffhanger Productions nun endlich anders werden, verspricht das Spin-off doch eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Die Jahre sind ins Land gezogen und die heroischen Söldner von einst mussten den gleichen Tribut an die Zeit zahlen wie wir alle. Seit damals sind sie stark gealtert, von vielen körperlichen wie seelischen Schäden gezeichnet und von jeglichen Aufträgen entbunden. Niemand hat Interesse daran, Rentner ins Feld zu schicken. Nun, zumindest fast niemand. Denn entgegen jeder Vernunft erwählt der Auftraggeber die Helden von Arulco aus, um erneut ein Volk aus seinem misslichen Schicksal zu befreien.

Womit die Kämpfer bei aller Liebe und auf der Suche nach vergangener Größe nicht gerechnet haben, ist, einem alten Bekannten als Widersacher zu begegnen. Elliot, der nichtsnutzige, leicht bemitleidenswerte Adjutant von Diktatorin Deidranna, ist nun selbst Herrscher eines Landes und steht seiner einstigen Herrin in Sachen Bosheit und Größenwahn in nichts nach. Mit einer Ausnahme: Die fiese Deidranna, Antagonistin aus Jagged Alliance 2, konnte man als Gegenspielerin sehr wohl ernstnehmen, während Elliot, stellvertretend für den neuen Grundton des Spiels, bloß zur Lachnummer taugt.

Jagged Alliance: Rage! versucht nämlich, die Herzen der Fans von einst mit einem überzeichneten B-Movie-Charme zurückzuerobern. Eine Idee, die an sich nicht sonderlich weit hergeholt scheint, hat sich doch bereits JA2 an entsprechenden Vorlagen aus der Filmgeschichte bedient. Jedoch in Maßen und in einer Qualität, die mit der gut Story harmonierte. In diesem Spin-off sind die Referenzen allerdings nicht nur der Motor, der die Maschine antreibt, sondern auch Ausrede, die Handlung nicht allzu komplex gestalten zu müssen.

Diese gerät bereits recht früh in den Hintergrund und wird von markigen Sprüchen abgelöst, die die Söldner im Dauerfeuer vom Stapel lassen. Ob diese Erzählweise adäquaten Ersatz liefert, muss jeder mit seinem eigenem Humorverständnis abklären. Für uns wirkt diese Vorgehensweise jedoch über weite Strecken zu gewollt in ihrem unablässigen Bemühen, auf Gedeih und Verderb witzig zu sein.

Mehr als übersichtlich

Jagged Alliance wurde jedoch nicht nur in Sachen Handlungsstrang gekürzt, auch der Pool an zur Auswahl stehenden Söldnern wurde stark dezimiert: Wo einst aus über 60 Charakteren gewählt werden durfte, um maximal 18 Kämpfer in drei Squads verteilt ein Land befreien zu lassen, könnt ihr nun lediglich vier aus sechs spielbaren Figuren in euer Team berufen. Zu Beginn des Spiels stehen davon sogar nur zwei Kandidaten zur Verfügung.

Das ist im direkten Vergleich ziemlich wenig. Dass jeder dieser Lohnarbeiter über spezielle Vor- wie Nachteile verfügt, die auf seiner Figur aus dem Original basiert – die nach all den Jahren an altersbedingten körperlichen Gebrechen leidet –, mag zwar eine witzige Idee sein, wirkt jedoch wie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Einen eigenen Charakter könnt ihr ebenfalls nicht erstellen.

Ganz ähnlich ergeht es dem Titel in Sachen taktischer Tiefe. Die Kämpfe mögen sich technisch am Original orientieren und sind nüchtern betrachtet spaßig, aber auch eintönig. Mit nur zwei bis vier Figuren halten sich eure Möglichkeiten stark in Grenzen. Die meiste Zeit seid ihr dazu verdammt, zu schleichen, da die Gegner euch sonst bei zu hastigem Vorgehen sofort überrollen. Diese wie einst in Jagged Alliance 1&2 in die Zange zu nehmen, von den Flanken her zu überraschen oder mit zahlenmäßiger Überlegenheit zu bekämpfen, ist in der Neuauflage schlicht nicht machbar.

So seid ihr über weite Strecken gezwungen, Schritt für Schritt vorzugehen und stets auf die gleiche Taktik zu setzen. Ein Umstand, der sich zu Beginn nicht sonderlich bemerkbar macht, mit jedem neuen Sektor jedoch mehr und mehr ins Gewicht fällt. Verschiedene Deckungen und Hindernisse sorgen Hand in Hand mit der teilweise recht clever vorgehenden K.I. zwar für gelegentliche Abwechslung, leider aber viel zu selten. Darüber hinaus setzt die Intelligenz der Gegner stets dann aus, wenn wir uns ihren Blicken entzogen haben und sie beginnen, Quadratmeter für Quadratmeter nach uns abzusuchen – ungeachtet unserer letzten Position oder irgendeiner nachvollziehbaren Logik.

  • Jagged Alliance: Rage! - Screenshots - Bild 1
  • Jagged Alliance: Rage! - Screenshots - Bild 2
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  • Jagged Alliance: Rage! - Screenshots - Bild 8
  • Jagged Alliance: Rage! - Screenshots - Bild 9

In der uns Verfügung stehenden Previewversion fiel es uns zudem bisweilen schwer, nachzuvollziehen, warum wir in manch einer Situation überhaupt entdeckt wurden. Trotz genutzter Deckung, Bewegung im toten Winkel oder Kauern unter einem Fensterrahmen, gelang es dem Feind wiederholt, die Position unseres Trupps zu erraten und ohne Vorwarnung das Feuer auf die Söldner zu eröffnen. Dieser Umstand ist auch deswegen ärgerlich, weil es an allen Ecken an Verbandsmaterialien, Munition, et cetera fehlt, jedes ungeplante Gefecht also schnell zu Verletzungen führt, die im schlimmsten Fall nicht behandelt werden können.

Dieser Survivalaspekt des Spiels wird mit zunehmender Spielzeit zum Ärgernis, da es euch bereits nach dem kleinsten Fehler an allem mangelt. Die Fundsachen, die ihr getöteten Soldaten abnehmen könnt, reichen meist gerade so aus, um auszugleichen, was ihr im vorangegangenen Gefecht verbraucht habt. So kam es häufig vor, dass wir einen verwundeten Kameraden in unseren Reihen mühsam durch den ganzen Level schleifen mussten, ohne dass dieser den anderen eine Hilfe sein konnte.

Jagged Alliance: Rage! - gamescom 2018 Trailer
Auch die Jagged-Alliance-Reihe ist mit dem neuen Ableger Rage! von Cliffhanger auf der gamescom vertreten.

Sektor für Sektor

Habt ihr einen Sektor befreit, geht es via Übersichtskarte auf ins nächste Gebiet. Alternativ versorgt ihr eure Verletzten, lasst diese ruhen oder bekämpft feindliche Patrouillen, die in der Zwischenzeit zu euch vorgedrungen sind. Minigames wie im zweiten Teil sucht ihr hier vergebens. Weder lassen sich Milizen für den Kampf gegen die Armee der Regierung ausbilden, noch könnt ihr euren Söldnern neue Tricks beibringen. Generell leveln die spielbaren Figuren in JA:R! nicht, sondern werden durch aufgelesene Ausrüstungsgegenstände stärker/besser.

So kämpft ihr euch recht eintönig von einem Gebiet ins nächste, immer auf der Suche nach der fehlenden Abwechslung – und mit der zunehmenden Erkenntnis, dass das Tropenparadies von einst mit den Jahren stark an Charisma eingebüßt hat.

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