Preview - Horizon: Zero Dawn – The Frozen Wilds : Das bessere Assassin's Creed

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Im Hype-Dunstkreis von Assassin's Creed: Origins, dem großen Open-World-Spiel des Herbstes, geriet das andere große Open-World-Spiel des Jahres aus dem Frühjahr fast schon etwas in Vergessenheit: Horizon: Zero Dawn. Während die Fans von offenen Spielwelten noch das warme Ägypten bereisen, lädt Guerrilla Games ins kalte Gebirge. Ist das Open-World-Spiel des Frühjahrs möglicherweise auch der heimliche Sieger im Herbst?

2017 könnte als Wendepunkt für das Open-World-Genre in die Spielegeschichte eingehen. Zelda: Breath of the Wild zeigte eindrucksvoll, wie eine Spielwelt wirklich als Welt verstanden werden kann und nicht bloß als Landkarte für abzuhakende Aktivitäten. Horizon: Zero Dawn addierte die Gameplay-Formeln von Far Cry, Assassin's Creed, Witcher und Red Dead Redemption so gekonnt zusammen, dass ihre Summe im Endergebnis deutlich mehr war als die Teile. Und auch die jahrelang vom Stillstand geprägte Assassin's-Creed-Reihe packte die Probleme bei der Wurzel, die sie seit ihren Anfangstagen am Fleck festhielt - und riss sie aus.

Horizon: Zero Dawn – The Frozen Wilds - Das bessere Assassin's Creed
Horizon: Zero Dawn geht in die Verlängerung. Wie schlägt sich der DLC gegen das Content-Monster Assassin's Creed: Origins?

Ein Lied von Eis und Feuer

The Frozen Wilds schickt euch in die schneebedeckten Berge ganz im Norden der Spielwelt, ins Reich der Banuk, die dort einem Dämon im Inneren eines Vulkans huldigen. Der Übergang zwischen der Welt des Hauptspiels und der des DLCs erfolgt fließend – das neue Gebiet fügt sich direkt in die bestehende Map ein. Von der Größe ist es vergleichbar mit dem Startgebiet von Horizon: Zero Dawn, also etwa ein Viertel dessen Gesamtfläche.

15 Stunden Spieldauer versprachen die Entwickler im Vorfeld für den neuen Content und legen damit weitestgehend eine Punktlandung hin – vorausgesetzt ihr beschäftigt euch intensiv mit den neuen Nebenquests, Sammelobjekten und Aktivitäten. Aber dafür kauft man sich schließlich auch solch einen DLC. Wer nur der Storyline folgt, benötigt weniger als die Hälfte dieser Zeit.

Für einen 20-Euro-DLC ist das sehr, sehr ordentlich, auch wenn der Umfang von Horizon: The Frozen Wilds auf den ersten Blick, nun, nennen wir es mal: übersichtlich erscheint. Der erste Langhals gleich zu Beginn deckt bereits die komplette neue Karte auf. Ein Banditenlager, ein Jagdgebiet, ein paar kleinere Siedlungen, das war's weitestgehend. Die neuen Sammelobjekte sind leider nicht mehr wie im Hauptspiel als Belohnung neben die grandiose Aussicht am Ende einer kühnen Bergbesteigung gestellt, sondern einfach in der Welt verstreut, und die dämonischen Zonen – das Pendant zu den verdorbenen Zonen aus dem Hauptspiel – lassen deren Rafinesse vermissen. Gerade im Vergleich zur Gigantonomie der Spielwelt von Assassin's Creed: Origins wirkt The Frozen Wilds eher kompakt.

Manch einer hätte sich womöglich einen Tick mehr gewünscht, jedoch: Wo Assassin's Creed seine uferlose Größe durch viel Copy & Paste der immer gleichen Lager, Oasen und Ruinen erkauft, findet Horizon sein Heil in der verdichteten Form. Statt wie ein Rucksacktourist lediglich nacheinander Orte abzuklappern, bereist der Spieler die Horizon-Welt an der Hand von hübsch gemachten Nebenquests, die ohnehin auch schon das Prunkstück des Hauptspiels waren. Hier lautet das Motto: mehr Schmuck, weniger Schmock.

Der DLC ist für Spieler ab Stufe 30 vorgesehen, zieht aber in seinem Schwierigkeitsgrad schnell so dermaßen an, dass klar ist: Hier herrscht Endgame-Niveau, an das man sich erst nach Beendigung des Hautspiels wagen sollte. Der erste Bosskampf gegen einen der neuen Maschinengegner ist ein spektakulär tobender Kampf, der einem alles abverlangt – bis man kurz darauf sage und schreibe drei davon bekämpft. Gleichzeitig! Die nächste Quest wird dann schon erst ab Stufe 50 empfohlen. Und das zurecht: Die neuen Gegner – alter Schwede, die sind wirklich taff! Ohne ausgeklügelte Taktik ist ihnen nicht beizukommen. Wer seinen Charakter aus dem Hauptspiel nicht schon bis zum Anschlag gelevelt und mit den besten Waffen und Rüstungen ausgestattet hat, beißt sich vermutlich die Zähne aus.

Anfangs lag das auch daran, dass ich vieles von den Feinheiten des Gameplay und vor allem des vielschichtigen Kampfsystems im Laufe des letzten halben Jahres seit Veröffentlichung wieder vergessen hatte. Horizon: Zero Dawn bot mit seinen zahlreichen Bögen, Schleudern, Fallen, Blitz-, Feuer- und Verderbniswaffen eine beachtliche Bandbreite taktischer Möglichkeiten, in die man sich erst wieder reinfuchsen muss und die The Frozen Wild nun sogar noch um weitere Waffen erweitert. Wem der Schwierigkeitsgrad anfangs garstig ins Gesicht bläst wie der kalte Nordwind, dem empfehle ich eindringlich, sich ausgiebig mit dem neuen Waffenarsenal zu beschäftigen, denn dessen Kandidaten sind deutlich mächtiger als die alten und in der feindseligen Schneewildnis überlebenswichtig.

Auch den Speer kann man nun endlich mit Modifikationen verbessern. Das Level-Cap wurde von 50 auf 60 angehoben. Zusätzliche Fähigkeiten vervollständigen das für Erweiterungen typische Aufblähen der Features: Ihr könnt überbrückte Maschinen nun reparieren, wenn sie beschädigt wurden, und auch Sprungangriffe direkt vom Reittier sind jetzt möglich.

Der Berg ruft

Vor allem mit seiner liebevoll und detailliert entworfenen Spielwelt weiß Horizon einmal mehr zu beeindrucken. Die schneebedeckten Gipfel und die von einem klirrend kalten Hauch durchwehten Schluchten lassen bereits bei ihrem Anblick frösteln – die derzeit draußen im Sturzflug fallenden Temperaturen tun ihr Übriges zu dem „Einsamer Trapper“-Gefühl von Frozen Wild. Wenn Frau Holle ihre Betten ausschüttelt und der Schnee in dicken Flocken auf Aloy sinkt, man kaum noch die Hand vor Augen sieht und der eisige Wind durch die kargen Baumgerippe pfeift, ist wahrlich Weihnachten im Neandertal.

Und dann natürlich immer wieder dieses Panorama und die Aussicht, die auch schon das Hauptspiel zum Erlebnis machte. Einfach nur atemberaubend sind die Blicke von der Bergspitze hinab ins Tal, in dem sich der Nebel seinen Weg durch die Tannenwipfel fräst und wie riesige Wattebäusche die steilen Felsen emporquillt, während die Sonne ihre Strahlen fast schon ängstlich aus weiter Ferne über die schroffen Gipfel schickt, so als werde sie von der Wand aus allgegenwärtig spürbarer Kälte ausgesperrt. Heiße Quellen, Geysire, das Innere eines Vulkans – Horizon Zero Dawn: The Frozen Wilds ist Erlebnistourismus und Abenteuerurlaub gleichermaßen und lohnt sich zweifellos als Kurztrip für jeden, der schon seinen Jahresurlaub mit dem Hauptspiel genossen hat.

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