Test

Grotesque Tactics Premium Edition

Taktik-RPG aus deutschen Landen

  • PC

Erinnert sich noch irgendwer an die Anfänge rundenbasierter 3-D-Taktik-RPGs wie zum Beispiel Riglord Saga oder Shining Force 3 auf dem Sega Saturn? Wer jetzt „Hier, ich!" schreit und in nostalgischen Erinnerungen schwelgt, darf sich freuen: Das deutsche Independent-Label Silent Dreams bringt mit der Premium Edition von Grotesque Tactics jetzt ein Spiel in genau dieser Tradition auf den Markt.

Wie der Name Grotesque Tactics vermuten lässt, nimmt sich das Spiel nicht sonderlich ernst. Das wird bereits beim Intro deutlich. Protagonist Drake hat gerade die Kadettenprüfung für die Armee des Königreichs Glory versemmelt und will sich aus Scham durch einen beherzten Sprung ins Maul eines Riesenpilzes das Leben nehmen. Doch oh, welch Ironie: Alle erfolgreichen Absolventen kamen bei einer Schlacht gegen die verfeindete Dark Church ums Leben. Seine halbgöttliche Wenigkeit Holy Avatar stimmt Drake kurzerhand um und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einer schlagfertigen Truppe, um der Dark Church die Stirn zu bieten.

Ungewohnte Helden

Grotesque Tactics bleibt seiner ironischen Linie treu: Wo in „ernsten" RPGs edle Elfen den Bogen spannen oder weißbärtige Magier Zauber wirken, schießen hier freizügige Jungfrauen mit Pfeilen und eine französelnde Vampirin schwingt den Zauberstab. Um die sehr überschaubaren Fähigkeiten eurer maximal zehnköpfigen Truppe zu verbessern, kämpft ihr in rundenbasierten Gefechten gegen riesige Pilze, Gift speiende Megamoskitos oder Furcht einflößende Säbelzahnhasen. Einfluss auf die Steigerung eurer Werte könnt ihr allerdings nicht nehmen.

Im Kampf solltet ihr die Gegebenheiten der Umgebung und die Fähigkeiten der Party-Mitglieder geschickt einsetzen. Holy Avatar und Drake nutzen freies Gelände, um mit ihren Schwertern in vorderster Front kraftvolle Hiebe auszuteilen. Die bogenschießenden Jungfrauen verstecken sich in zweiter Reihe im zusätzlich schützenden Gebüsch oder vergrößern auf höheren Ebenen ihre Reichweite. Euer Bewegungsradius sowie die Reihenfolge aller Spielfiguren sind dabei stets vorgegeben. Taktisches Vorgehen ist also Trumpf.

Gewohnter Spielablauf

Neben dem Standardangriff steht jedem Charakter ein mächtiger Spezialangriff zur Verfügung. Außerdem besitzt jedes Party-Mitglied eine charakterliche Obsession: Drake motiviert seine Truppe, die zickigen Jungfrauen schießen wild um sich auf Freund und Feind, während Holy Avatar alles um sich herum mit seinen Heldenanekdoten in den Schlaf langweilt. Habt ihr eine Schlacht gewonnen, könnt ihr das Gelände frei erkunden. Dabei öffnet ihr Kisten oder sammelt fallen gelassenes Gold eurer Gegner ein. Kommt es erneut zu Feindkontakt oder gelangt ihr gar in einen üblen Hinterhalt, wird wieder in den Rundenmodus geschaltet.

Habt ihr einen Abschnitt komplett von Gegnern befreit, sammelt sich die Party in der Stadt Station Wish, die als Basis dient. Hier bessert ihr eure Ausrüstung auf, kauft Heiltränke und belebt gefallene Kampfgenossen wieder. Das gilt allerdings nicht für Drake oder Holy Avatar: Stirbt einer der beiden Hauptcharaktere im Kampf, müsst ihr vom letzten der jederzeit speicherbaren Spielstände erneut beginnen. Ansonsten erhaltet ihr in Station Wish neue Quests, die allerdings sehr linear und wenig abwechslungsreich sind.

Parodie an allen Ecken und Enden

Star des Spiels sind aber eindeutig die Dialoge. Überall findet ihr Anspielungen auf Klassiker der Computer- und Videospielgeschichte: Von Ultima über Oblivion bis zu Zelda oder Final Fantasy wird alles durch den Kakao gezogen, was Rang und Namen hat. Auch Filme wie Herr der Ringe bekommen ihr Fett weg - und das Spiel selbst nimmt sich ebenfalls ordentlich auf die Schippe. Das Ganze funktioniert nicht nur durch die Texte, denn die komplett deutsche Synchronisation klingt super und wurde professionell eingesprochen. Der Sound allerdings hätte etwas abwechslungsreicher sein können, regt bei Zeiten aber auch zum Mitsummen an und passt zur jeweiligen Spielsituation.

Was für das Genre hingegen durchaus überzeugt, ist die Grafik. Detaillierte Texturen, verspielte Details und schöne Umgebungen lassen Freude aufkommen. Getrübt wird die Pracht jedoch durch sich ständig wiederholende Bausteine. Punktabzug dafür. Behält man jedoch im Hinterkopf, dass der Entwickler „nur" ein Independent-Label ist, kann man gnädig darüber hinwegsehen. Alles in allem ist Grotesque Tactics ein gelungenes Projekt, das euch je nach Schwierigkeitsgrad für gute 13 Stunden kurzweilige Unterhaltung bietet - sofern ihr euch mit dem teilweise recht platten Humor arrangieren könnt.

Fazit

Grotesque kann jedem, der mit diesem Genre ansatzweise etwas anfangen kann und für oft recht stumpfen Humor empfänglich ist, nur wärmstens empfohlen werden.Wer rundenbasierte Rollenspiele mit taktischem Einschlag kennt, weiß, was ihn spielerisch erwartet. Das Spielprinzip an sich ist für Genre-Fans also schon Kaufgrund genug. Die gelungenen Parodien und Anspielungen auf jede Menge Klassiker heben den Titel zudem deutlich über den Durchschnitt und machen einige spielerische Defizite wett. Okay, der Humor mag nicht jedermanns Sache sein, aber wenn er wie bei mir den Geschmack des Spielers trifft, wird man wunderbar unterhalten. Holy Avatar in der Rolle des Jungfrauen beglückenden Strahlemanns, der mit allen Helden der Videospielgeschichte unterwegs war, lässt mich jeden Dialog verschlingen. Ich kann Grotesque also jedem, der mit diesem Genre ansatzweise etwas anfangen kann und für oft recht stumpfen Humor empfänglich ist, nur wärmstens empfehlen.

Überblick

Pro

  • aberwitzige Dialoge
  • klasse Synchronisation
  • abgedrehte Helden
  • herrliche Parodien

Contra

  • simple Charakterentwicklung
  • sehr linearer Spielverlauf

Wertung

  • PC
    79
    %
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