Test - The C64 Mini : Der Kult-Computer ist zurück

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Latenzen ohne Ende

Wie bei Emulatoren üblich reagieren die Spiele jedoch nicht in der Originalgeschwindigkeit, die Kenner der Klassiker gewohnt sind. Daran schuld ist – mal wieder – der vorgeschaltete Framebuffer, der für eine saubere Zeilenausgabe an einem HDTV-Gerät sorgt, aber die Ausgabe um zwei Bilder verschleppt. 33 Millisekunden Verzögerung klingen vernachlässigungswürdig, sind aber in der Praxis eine Menge Holz, wenn ein Großteil der Spiele auf punktgenaue Reflexe setzt.

Weitere äußere Umstände machen es nicht besser. HD-Fernseher kämpfen grundsätzlich mit Latenzen im Bildaufbau, selbst wenn man sie in den Spielemodus versetzt (was unbedingt anzuraten ist). Gerade Spiele wie Jumpman, die Sportspielreihe von Epyx (Summer / Winter / California Games) oder Spindizzy mutieren dadurch zu bockschweren Geduldsprüfungen.

Um so bedauerlicher ist es dann, wenn selbst der mitgelieferte Joystick den Spielfluss zum Stocken bringt. Er mag aussehen wie ein klassischer Competition Pro (plus ein paar zusätzliche Knöpfe, die der Menüverwaltung dienen), aber verbaut wurden weitaus günstigere Komponenten. Von Mikroschaltern keine Spur. Somit fehlt nicht nur das klassische, gut hörbare „Klickedi-Klick“ beim Rütteln am Joystick. Auch die Genauigkeit der Eingabe samt ihrer Reaktionszeit ist weit unter dem Niveau, welches das Äußere verspricht. Zum Glück bleibt euch die Option, jeden beliebigen anderen USB-Controller anzustöpseln.

Entlastend sei hier angemerkt, dass viele der vorinstallierten Spiele nicht ganz so pingelig sind wie die oben genannten Reflextests. Wer bloß gemütlich eine Runde Monty on the Run oder Pitstop einlegen möchte, kommt auch mit dem beigelegten Joystick zurecht.

Die Soundabteilung ist dagegen eine durchwachsene Angelegenheit. Grundsätzlich ist die Reproduktion der Klänge des berühmten Sid-Chips von Mos-Technologies (MOS 6581) annehmbar. Wie bei vielen anderen Emulatoren auch fehlt es ein wenig an der Wärme des Originals, die durch den Digital-Analog-Wandler zustande kam. Viele Klangfarben wirken also ein wenig härter als an der Originalmaschine und erinnern eher an jene Revisionen, die im C64-C und im C128 verbaut waren. Warum die Latenz bei der Soundausgabe noch größer ist als beim Bild, ist uns jedoch ein Rätsel.

Durchwachsenes Spieleangebot

Nach diesen Feststellungen wird deutlich: The C64 Mini ist zwar durchaus tauglich, wenn man der Nostalgie für einen Abend freien Lauf lassen möchte, für Kenner und pingelige Puristen ist der kleine Kasten aber nicht mehr als ein Sammlerobjekt für den Schaukasten. Dieser Eindruck festigt sich besonders durch das Angebot der installierten Spiele. Nur knapp die Hälfte der 64 Titel kann als Klassiker angesehen werden. Von denen sind einige sogar echte Hits mit repräsentativen Eigenschaften. Siehe etwa Monty on the Run, das nicht nur ein unterhaltsamer Puzzle-Platformer ist, sondern auch einen der abgefahrensten Soundtracks mitbringt. Rob Hubbard tischte in diesem Spiel nur einen einzigen, sehr langen, aber extrem genialen Track auf.

Die Sportspielreihe von Epyx kennt jeder, der in den 80ern an einem Homecomputer saß. In Erinnerung bleibt sie nicht nur des Spaßes im Rudel wegen, sondern auch durch die Anzahl zerstörter Joysticks. Vertreter der Marke AlleyCat, Spindizzy, Impossible Mission, Pit Stop 2 oder Boulder Dash werten die Sammlung allemal auf, keine Frage. Nur gehört die andere Hälfte leider zur Kategorie „vergessenswert bis schrottreif“.

All zu große Vorwürfe sollte man Retro Games Ltd. nicht machen. Letztendlich geht es um Lizenzen biblischen Alters. Ihre Halter aufzuspüren, war sicherlich nicht leicht, zumal nur eine Handvoll Titel je zur Public Domain erklärt wurden. Trotzdem lässt sich die Abstinenz existenzieller C64-Klassiker nicht leugnen. Was fehlt, ist die komplette Palette von Rainbow Arts und deren Kumpels. Kein Katakis, kein Giana Sisters, kein Turrican, kein R-Type. Alleine The Last Ninja von System 3 würde mit der kompletten Sammlung den Boden aufwischen. Maniac Mansion, International Karate, Bubble Bobble ... die Lücken im Portfolio sind geradezu riesig.

Glücklicherweise erlaubt The C64 Mini das Laden von ROMs über den integrierten Basic-Interpreter – wenn auch mit gewissen Einschränkungen, die Retro Games Ltd. irgendwann durch ein Firmware-Update aushebeln möchte. Im Moment können nur Spiele, die auf eine einzelne Diskette passen, vom USB-Stick gestartet werden. Zudem muss das ROM zuvor am PC umbenannt werden.

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