Special - Ahmet-Kolumne - Sexismus in Videospielen : Niemand hat recht

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    Das Thema Sexismus in Videospielen wird momentan so heiß diskutiert wie noch nie. Auf der einen Seite die Spieler, die sich zu Unrecht angegriffen fühlen und deshalb gerne mal emotional und aggressiv reagieren. Auf der anderen Seite die politisch korrekte Frauenversteherfraktion, die gute Argumente hat, den Bogen aber überspannt. Ich wollte ein Interview mit Vertretern beider Seiten führen, aber weil mir das zu anstrengend ist, gibt’s stattdessen ein Selbstgespräch.

    (Anm. d. Red.: Wie immer bei Gastbeiträgen gilt: Die Meinung des Autors muss nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Wer sich speziell für die Meinung eines Gameswelt-Redakteurs zum Thema „Sexismus in Videospielen“ interessiert, dem sei Kuros Artikel unter diesem Link empfohlen.)

    Frauen-Ahmet:

    Die Medienwissenschaftlerin und Videospielerin Anita Sarkeesian analysiert auf ihrer Seite www.feministfrequency.com Sexismus und Stereotypen in Videospielen. Die Quintessenz: Frauen sind in Videospielen entweder hilflos und müssen gerettet werden, dienen als Dekoration oder sie werden als sexy Amazonen dargestellt.

    Gamer-Ahmet:

    Ja, das stimmt. Ist aber nicht nur in Videospielen so. Im Kino läuft es seit 100 Jahren nicht anders und d…

    Frauen-Ahmet:

    Videospiele dürfen sexistisch sein, weil es Filme schon seit vielen Jahren sind? Das rechtfertigt also, dass Frauen in GTA V, Watch_Dogs oder Assassin’s Creed eigentlich nur als hilflose Opfer oder digitale Männerfantasien auftreten? Wie viele Frauen werden in diesen Titeln verprügelt, ermordet oder als Prostituierte dargestellt?

    Gamer-Ahmet:

    Wie viele Männer werden denn in diesen Spielen verprügelt, gefoltert oder ermordet? In Sniper Elite V3 hab ich bisher locker 1000 Typen weggemacht, aber keine einzige Frau. Trotzdem hat sich bisher noch kein Mann darüber beschwert, dass in Videospielen hauptsächlich Männer sterben.

    Frauen-Ahmet:

    Ja, aber die sterben durch Männerhand. Wieso kann ich zum Beispiel in Battlefield 4 nicht als Frau in den Krieg ziehen und tausend Männer erschießen? Haben Männer etwa Angst vor starken Frauen?

    Gamer-Ahmet:

    Das ist Quatsch. In Tomb Raider spielt ja auch eine Frau die Hauptrolle und niemand hat ein Problem damit.

    Frauen-Ahmet:

    Männer haben kein Problem damit, weil Lara Croft aussieht wie ein Unterwäschemodell und perfekt das „Sexy-Amazone“-Klischee bedient. Wäre Tomb Raider auch dann noch ein Hit, wenn die Protagonistin wie Cindy aus Marzahn aussehen würde?

    Gamer-Ahmet:

    Einem Fettkloß würde man nicht abnehmen, dass er sich mit Leichtigkeit über Abgründe schwingt und akrobatische Höchstleistungen vollbringt. Aus demselben Grund sehen die Helden in Battlefield und Co. auch nicht wie Couch-Kartoffeln aus. Das sind immer durchtrainierte Typen, und darüber hat sich ja auch noch kein Fettsack aufgeregt. Stell dir mal vor, Frauen würden in Videospielen immer nur als dicke Kühe dargestellt. Dann gäbe es sofort wieder einen Aufschrei: „Videospiele sind sexistisch, weil Frauen darin immer wie fette Kühe aussehen!“ Und sagen wir mal, es gäbe keine männlichen Helden mehr, sondern nur noch weibliche Protagonisten, die wie Angela Merkel aussehen. Dann würdet ihr euch darüber beschweren, dass Frauen in Videospielen immer nur als adipöse Killermaschinen porträtiert werden.

    Frauen-Ahmet:

    Wir wollen ja nicht, dass nur noch Frauen die Heldenrolle übernehmen. Alles, was wir verlangen, ist ein ausgeglichenes Verhältnis. So ähnlich wie die Frauenquote im Berufsleben. Wieso eigentlich nicht? Warum keine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote in virtuellen Führungspositionen – also in der Heldenriege der Videospielwelt? Wenn man beispielsweise Ubisoft zwingen würde, in Assassin’s Creed: Unity eine Assassinen-Dame als Option anzubieten? Ich verlange nicht, den männlichen Helden auszulöschen, sondern einfach nur, dass man den Spielerinnen und Spielern die Wahl lässt.

    Gamer-Ahmet:

    Das wäre sicher eine Option, mit der alle Spieler leben könnten. Für die Spielehersteller würde das aber einen erheblichen Mehraufwand bedeuten. Es ist ja nicht damit getan, die Spielfigur auszutauschen. Das hätte auch Auswirkungen auf die Story, auf sämtliche Zwischensequenzen, Missionstypen und so weiter. Die Entwicklungskosten würden explodieren.

    Frauen-Ahmet:

    Dann sollen sie von mir aus eine gesonderte Female-Edition als kostenpflichtiges Update veröffentlichen.

    Gamer-Ahmet:

    Wirklich? Ich sehe vor meinem geistigen Auge schon die Schlagzeile: „Ubisoft zockt weibliche Spieler ab!“ Eine Alternative wäre, Story- und Missionsstrukturen von Anfang an „asexuell“ zu konzipieren. Dabei sollte man gleich noch dafür sorgen, dass sich Veganer, Homosexuelle, Buddhisten, Muslime und Atheisten nicht auf den Schlips getreten fühlen.

    Frauen-Ahmet:

    Ist das jetzt Sarkasmus? Ich dachte, wir führen hier eine sachliche Diskussion? Das ist echt typisch. Auf unsere Forderungen reagieren männliche Spieler entweder kindisch, sarkastisch und im schlimmsten Fall aggressiv. Anita Sarkeesian wird nicht umsonst wegen ihrer Website www.feministfrequency.com mit Beleidigungen und Morddrohungen überflutet. Sie hat ganz klar einen Nerv getroffen.

    Gamer-Ahmet:

    Das Problem ist, dass ihr alle über einen Kamm schert. Nicht alle Männer sind frauenfeindlich. Wenn ich in Watch_Dogs einen Typen verprügle, weil dieser eine Frau belästigt, dann denke ich dabei nicht groß über die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft nach. Ich sehe Frauen nicht als doofe, wehrlose Geschöpfe an, nur weil ich einer Pixeldame zu Hilfe eile. Ich denke mir eher: „Das miese Macho-Schwein mach ich alle!“ Ich setze mich also in diesem Moment für die Frau ein und nicht für die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts. Frauenfeindlich wäre es, dem Typen dabei zu helfen, die Frau zu vermöbeln.

    Frauen-Ahmet:

    Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Frau als wehrloses Wesen charakterisiert wird, das auf die Hilfe des Mannes angewiesen ist. Wir können sehr gut auf uns selbst aufpassen.

    Gamer-Ahmet:

    Das bestreitet ja keiner. Ich will es mal so erklären: Die Hauptzielgruppe für Videospiele sind Jungs und darum macht es Sinn, Titel zu entwickeln, die junge Männer ansprechen. Als es noch keine Videospiele gab, haben wir unter anderem mit Plastiksoldaten gespielt. Trotzdem bin ich heute kein Befürworter von Krieg und Gewalt. Genauso wenig sehe ich Frauen als hohle Tittenträger an, nur weil ich Watch_Dogs spiele. Verstehst du? Manchmal ist ein Spiel eben nur ein Spiel. Im Spiel rase ich gerne mit Vollgas über den Nürburgring, doch im echten Leben besitze ich nicht mal einen Führerschein.

    Frauen-Ahmet:

    Trotzdem haben weibliche Spieler das Recht darauf, in Videospielen angemessen repräsentiert zu werden. Punkt! Wie würde es dir denn gefallen, wenn man zukünftig die Geschlechterrollen in allen Videospielen einfach umdrehen würde? Wenn Männer nur noch halbnackte Opfer wären und den Heldinnen lediglich als Trophäe dienen?

    Gamer-Ahmet:

    Wie hoch ist der Frauenanteil unter den Spielern? Und komm mir jetzt bloß nicht mit dem „44-Prozent-aller-Spieler-sind-weiblich“-Quatsch. Die meisten Frauen spielen nämlich Casual- und Browser-Gedöns. Die würden es also nicht mal merken, wenn man in Battlefield als Frau durch die Gegend ballern könnte. Wie viele Frauen kann man wirklich als Core-Gamer bezeichnen? Wenn es den Damen so wichtig wäre, warum gehen sie nicht in die Videospielbranche und entwickeln mehr Frauenspiele?

    Frauen-Ahmet:

    Darum geht es doch gar nicht! Selbst wenn es gar keine weiblichen Spieler gäbe, sollte man Frauen in Videospielen würdevoller abbilden.

    Gamer-Ahmet:

    Hast du dir schon mal die Cover von Frauenliebesromanen angesehen? Da siehst du immer nur braun gebrannte Oben-ohne-Muskelmänner und hat sich darüber schon mal ein Mann beschwert? Soll ich mich darüber aufregen, dass in der TV-Serie "Hannah Montana" zu wenig auf die männlichen Bedürfnisse eingegangen wurde? Langsam reicht es mir mit eurer Scheiße! Reden wir nicht weiter um den heißen Brei herum. Wie immer geht es den Frauen doch einfach nur darum, Männern etwas wegzunehmen, weil sie eifersüchtig sind. Aus demselben Grund meckern unsere Frauen und Freundinnen auch immer herum, wenn wir zu viel Zeit mit unseren Kumpels verbringen!

    Frauen-Ahmet:

    Aber warum nimmst du deine Freundin nicht einfach mit, wenn du Zeit mit deinen Kumpels verbringst? So fühlt sie sich nicht mehr missverstanden oder ausgeschlossen, sondern als wertvoller Teil eurer Gemeinschaft! Genau so ist es auch mit den Videospielen. Die Frauen wollen nicht außen vor bleiben, sondern vollwertige Mitglieder des Clubs werden. Ist das denn zu viel verlangt, auch mal auf unsere Bedürfnisse einzugehen?

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